Brief einer dementen Mutter

Mein geliebtes Kind,

Du siehst mich und doch erkennst Du in mir mich nicht wieder. Du hörst meine Worte und weißt doch nicht, wovon ich eigentlich rede. Ich bin da und doch lebe ich in einer ganz anderen Welt als Du. Wenn ich spreche, erzähle ich von Dingen, die nur für mich einen Sinn ergeben, von Menschen, die zumeist nur ich zu kennen scheine, von Ereignissen, die nur ich vermeintlich erlebte. Wenn ich Dich anschaue, mein geliebtes Kind, so erkenne ich Dich oft nicht wieder, denn Du bist mir fremd geworden, wie so viele in den letzten Jahren. Selbst Dein Vater, mit dem ich doch schon fast ein halbes Jahrhundert zusammen bin, ist mir zumeist fremd und ich meine, er sei ein anderer.

Nicht selten erkenne ich in Ihm, Dir oder anderen Menschen Personen die Euch unbekannt sind und niemand aus meinem heutigen oder früheren Leben weiß, wer das wohl sein mag. Und doch glaube ich, dass ein kleiner Teil in mir Euch nicht vergessen hat und irgendwo sicher aufbewahrt in all meinen verwirrten Erinnerungen, auch wenn sie immer schneller fortgeschwemmt zu werden scheinen.

Meine Umgebung, egal wie vertraut sie mir sein müsste nach all den Jahren, ist mir fremd und nicht selten drängt es mich danach ihr zu entfliehen, auf der Suche nach alter Vertrautheit. Doch immer mehr fehlt mir die Kraft, immer mehr die Orientierung und so versinke ich noch tiefer in meine eigene Welt um etwas Vertrautes wieder zu finden und lasse Euch außen vor, auch wenn ich das gar nicht will. Doch die Zeiten, in denen mir dies in klaren Momenten durchaus bewusst ist, sind beinahe vorbei, so wie diese Momente immer seltener werden.

Ich weiß, oder wusste dereinst, dass Euch das schmerzt und nicht leicht fällt, doch müsst Ihr wissen, dass ich dies nicht mit Absicht tue. Ihr seid mir noch immer wichtig, auch wenn ich es nicht mehr zeigen kann.

Der Tag wird kommen, an dem ich nur noch in meiner Welt leben werde, doch auch wenn ich dann nichts mehr weiß, so sollt Ihr doch wissen, dass ich Euch liebe, auch wenn ich es vermeintlich vergessen habe – wenn ich mich vergessen habe.

Deine Dich liebende Mutter

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